Häusliche Gewalt und Behinderung

Für behinderte Frauen verschärft sich häusliche Gewalt insofern oft, als dass sie sich häufiger als nichtbehinderte Frauen in ganz grundlegenden Abhängigkeiten befinden, oft auch von gewalttätigen Partner/innen. Zum Beispiel, weil sie zugleich als Assistent/innen fungieren oder bei der Körperpflege oder im Haushalt Unterstützung leisten. Die Ergebnisse des qualitativen Teils der Studie "Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland" (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013) zeigen, dass Frauen mit Behinderungen oft nur wenige enge vertrauensvolle Beziehungen haben und tendenziell eher von der Umwelt isoliert sind (zum Beispiel durch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt). Vielen fehlen nahestehende Personen, mit denen sie über die erlebte Gewalt sprechen und die sie unterstützen könnten. Typische Gewaltstrategien wie Isolierung und Kontrolle können so noch einfacher wirken.

Frauen mit Behinderungen wird zudem oft eine freie Partner/innenwahl abgesprochen. Sie sollen sich mit dem Partner begnügen, den sie haben („Sei froh, dass Du einen abgekriegt hast!“). Wenn sie sich mit ihrem Umfeld über Trennungsgedanken unterhalten werden sie oft entmutigt („Wer weiß, ob Du überhaupt wieder einen findest!“). Einer Partnerschaft behinderter Frauen geht oft eine lange Zeit der Partner/innenlosigkeit voraus, so dass eine Trennung eine größere Portion Mut erfordert. In der Zusammenfassung der oben genannten Studie wird dies als „eingeimpftes Minderwertigkeitsgefühl" bezeichnet: "Keine Ansprüche stellen zu dürfen, sich mit dem zufrieden geben zu müssen, was man bekommt“.

Dadurch kann auch die Selbstbehauptung behinderter Frauen in einer Beziehung erschwert sein. Das rührt laut den Studienergebnissen auch her von Mangelerfahrungen in der Kindheit – das daraus resultierende große Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Nähe macht die betroffenen Frauen anfällig für Gewalt und Dominanz seitens des Partners. Die Gewalt des Partners wird mit seiner Überforderung durch die Behinderung erklärt (genauso wie zum Beispiel Gewalt in der Kindheit durch die Eltern rückblickend damit erklärt wird).

Gewalt als Kontinuum

Für behinderte Frauen ist Gewalt oft ein Kontinuum in ihrem Leben. Oftmals hat die erlittene Gewalt die körperliche oder psychische Beeinträchtigung überhaupt erst ausgelöst. Gleichzeitig erscheint das Erleben von Gewalt „normal“ für viele Frauen mit Behinderung. Das hat auch mit ihrer Sozialisation zu tun – viele sind Fremdbestimmung und Anpassung an andere gewohnt. Von ihnen wird häufig erwartet, dass sie anspruchslos sein und sich fügen sollen. Das kann zur Folge haben, dass sie sich auch als Erwachsene häufiger als wehrlos erleben und sich gewaltvollen Situationen ausgeliefert sehen.

Viele behinderte Frauen sehen das, was ihnen passiert, auch nicht als Gewalt an. Sie schweigen über das Geschehen und vertrauen sich niemandem an. Ein Zitat aus dem qualitativen Teil der Studie zur Lebenssituation behinderter Frauen bringt es auf den Punkt:„ Das war für mich gang und gäbe und das hat sich bis jetzt eigentlich immer so durchgesetzt, dass körperliche Gewalt und auch geistige Gewalt einfach zum Leben gehört und ich mir da drüber auch nie Gedanken gemacht hab“.

Gewaltschutz greift oft nicht

Im Zusammenhang mit dem Thema Assistenz und häusliche Gewalt stellen sich Probleme wenn es darum geht, Frauen mit Behinderungen schnell und unbürokratisch vor Gewalt zu schützen. Maßnahmen zum schnellen Schutz greifen oft nicht, zum Beispiel die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes. Wenn der gewalttätige Partner zugleich die Pflegeperson ist wird eine sofortige Trennung von ihm, zum Beispiel durch die „Wegweisung“ (als polizeiliche Gefahrenabwehr), für die Frau zum Problem – eine schnelle Sicherstellung der Assistenz bzw. Pflege durch eine andere Person ist oft nicht möglich.

Dieses Problem stellt sich auch, wenn beide Partner in einer stationären Einrichtung für behinderte Menschen leben. Die „Wegweisung“ des Täters wird oft nicht in Erwägung gezogen, weil man nicht weiß, „wohin mit ihm“. Zivilrechtliche Maßnahmen des Gewaltschutzgesetzes im Sinne der Wohnungsüberlassung für das Opfer bzw. im Sinne der Losung „wer schlägt der geht“ greifen auch nicht, wenn der Täter gegenüber der Einrichtung einen Anspruch auf Leistungen zur Rehabilitation hat (denn eine Einrichtung wird nicht als „auf Dauer angelegte häusliche Gemeinschaft“ gesehen). Eine Trennung vom Täter kann dann nur durch zum Beispiel eine Kündigung des Heimvertrags geschehen. Wenn die Frau durch einen Betreuer Gewalt erfährt, kann dies durch arbeitsrechtliche Maßnahmen geschehen. Das ist auch der Fall, wenn die Frau mit dem Täter tagsüber in den Räumen derselben Einrichtung arbeitet, zum Beispiel in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Auch hier greifen nur arbeitsrechtliche Maßnahmen. Diese Entscheidungen liegen oft in den Händen der Einrichtungsleitungen, die gewaltbetroffenen Frauen selbst haben wenig Handhabe.

Bei all diesen Abwägungen wird das Merkmal Geschlecht oft vom Merkmal Behinderung überlagt: Manchmal sehen Polizist/innen, Beraterinnen, Mitarbeiterinnen von Frauenhäusern und andere Akteure im Anti-Gewalt-System sich als „nicht zuständig“ an, wenn es um eine behinderte Frau geht. So rollen die Maßnahmen des Gewaltschutzgesetzes gar nicht erst an oder wird Frauen mit Behinderung die Aufnahme ins Frauenhaus nicht ermöglicht.

BMFSFJ / Schröttle, M./Hornbach, C. (2012) Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. Kurfassung

BMFSFJ / Kavemann, B./Helfferich, C. (2013) „Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland. Qualitative Studie, Endbericht